Endlich kam auch ich einmal dazu, Avatar zu sehen. Und weil der Film so polarisiert (was allein schon ein Qualitätsmerkmal ist, denn welche Produkte schaffen es heute noch, so die Gefühle aufzuwühlen, mögen sie positiver oder negativer Natur sein?), gebe ich hier mal meinen ganz persönlichen Senf dazu.
Der Film hat seine Schwächen. Was mich am meisten gestört hat, war eigentlich technischer Natur, und da ich den Film auf 3D im IMAX gesehen habe, kann ich bisher nicht auseinanderklamüsern, welche Mängel die Projektion eines Nicht-IMAX-Films auf einer IMAX-Leinwand verschuldet sind und welche dem Film an sich. Deshalb spreche ich mal nur für die IMAX-Projektion.
Die Untertitel! Wie kann man nur auf die Idee kommen, gelb-braune Untertitel auf grau-blau-dunkelgrünem Hintergrund zu verwenden? Die Untertitel sind doch dafür da, damit man sie auch lesen kann, und da verzichte ich gerne auf jeden künstlerischen Anspruch und ob die Schriftart und -farbe jetzt zum Film passt oder nicht, Hauptsache ich kann lesen was da steht. Das hat mich einfach unglaublich genervt, den ganzen Film über. Bei einer Leinwand wie im IMAX, die so groß ist, dass man ohnehin nicht das gesamte Bild im Blickfeld haben kann, und bei der man an die Stelle der Untertitel auch aktiv hinschauen muss (und dann aber nicht mehr sieht, was im Rest des Bildes passiert), gerade da muss man für Untertitel sorgen, die schnell und einfach lesbar sind. Auch weil nicht alles, was die Na’avi sagen, untertitelt ist, merkt man oft erst zu spät, dass jetzt die Untertitel erscheinen, aber bis man wirklich hinguckt und anfängt, die Buchstaben zu entziffern, sind sie auch schon wieder weg, worüber ich mich dann erstmal ärgere und was mich dann so unsanft temporär aus der Filmwelt hinausbefördert.
Was mich noch gestört hat, waren die für IMAX-3D einfach zu schnell geschnittenen Action-Sequenzen, besonders die Szene, als Jake zum ersten Mal als Avatar im Wald gegen diverse Kreaturen kämpft. Irgendwie kann ich die Bilder in 3D nicht so schnell verarbeiten wie sie geschnitten sind, und ich nehme dann nur noch einen völlig desorientierenden Bilderbrei wahr. Was sehr schade ist. Bei diesem Umstand weiß ich aber wiederum nicht, ob das an der Größe der IMAX-Leinwand liegt, oder wirklich ‘nur’ an dem 3D-Effekt. Entweder muss sich das Schnittempo der Filme in Zukunft meiner Meinung nach daran anpassen, ob der Film jetzt für 2- oder 3D gemacht ist, und der 3D-Film eine eigene Filmsprache entwickeln, die sich dann dementsprechend von der Machart eines 2D-Films unerscheidet. Oder, wer weiß, vielleicht passen sich ja mit der Zeit auch unsere Sehgewohnheiten an das neue Tempo an. Ein Mensch aus den 1920ern würde wohl auch von einer heutigen, ‘normalen’ 2D-Action-Sequenz total überfordert sein, sich desorientiert fühlen und nur noch einen Matsch aus Bild und Ton wahrnehmen. Das wird sich zeigen.
Auch seltsam: Ich hatte während großer Strecken des Films das unstillbare Bedürfnis, den Knopf an der Leinwand zu finden, mit dem man den Kontrast und die Farbsättigung hochdrehen kann. Die fahlen Farben hatten in der tristen Welt der Menschen ja ihre Berechtigung, aber während die bioluminiszierende Nachtwelt der Na’avi atemberaubend schön ist, fehlt es der Tagwelt irgendwie an Licht und Farbe. Ich hatte das Gefühl, gegen Ende des Films, als Jake den Toruk fliegt und sich die Stämme vereinen, wird auch die Farbigkeit besser, aber vielleicht habe ich mir das nur eingebildet. Vielleicht waren die plötzlichen Rot- und Gelbtöne auch einfach so auffällig in der Überzahl der Grün- und Blautöne. Oder selbst die Welt der Na’avi verliert unter der Unterdrückung und Okkupation der Menschen ihre Farbigkeit, und erst mit der Freiheit kehren auch die Farben zurück. Vielleicht ist aber auch einfach nur die IMAX-Projektion schlecht oder eine Birne im Projektor kaputt.
Ich sollte mir solche Filme vielleicht auch einfach nicht im IMAX, sondern nur in 3D anschauen – allerdings erliege ich immer regelmäßig den Verheißungen dieser enorm riesigen Leinwand. Aber ich werde ihn mir auf jeden Fall nochmal im Kino ansehen und dann auch nicht im IMAX, allein um den Unterschied zu sehen (und weil ich in zwei Wochen in Australien dann ja auch die Möglichkeit habe, gleich nochmal auf Englisch reinzugehen!).
Doch von der Form nun zum Inhalt: Ja, es ist eine Geschichte, die schon unzählige Male erzählt wurde. Das alte Thema vom Naturvolk, den noblen Wilden, das von den profitgierigen ‘Zivilisierten’ abgeschlachtet wird, obwohl sie die eigentlich zivilisierten sind, die noch im Einklang mit ihrer Umwelt leben. Diese Geschichte ist schon ein Urthema, das in tausenden Variationen immer wieder seine medialen Manifestationen findet. Das kann man dem Film zum Vorwurf machen – oder ihn als Märchen betrachten. Ein Märchen, das wir als Kind schon in- und auswendig kennen, und doch immer wieder hören wollen. Ja, diese Geschichte aus Avatar wurde schon so oft erzählt – aber selten so schön. Der eine kann ein Märchen eben besser erzählen als der andere, dieselbe Geschichte, dieselben Worte – und trotzdem grundverschieden. James Cameron kann es nunmal verdammt gut.
Obwohl manche Szenen vollgestopft sind mit stereotypen Dialogen, Bildern und Klischees, ist es die Kunst des Films, dass er trotzdem (und deswegen) funktioniert. Und wir uns dem Kitsch, der Romantik und dieser wundervollen Welt auch einfach mal hingeben können. Wieder Kind sein, wie Jake als frisch geborener Avatar als Baby, als Kleinkind durch diese neue Welt stolpern. Vergessen kannst, was vorher du gelernt. Bilder und Motive, die man schon tausend Mal gesehen hat, Sätze, die man schon tausend Mal gehört hat, wieder so wahrnehmen zu dürfen, als würde man sie zum ersten Mal hören. Was in einem anderen Film stören würde, passt sich hier in die Filmwelt ein – das schafft Avatar.
Pandora, die Welt der Na’avi, ist natürlich atemberaubend schön und fantastisch. In einer Kinolandschaft, wo sich die Fortsetzungen die Hand reichen und die immergleichen Welten aufgeschwemmt und recycelt werden, ist es einfach zum heulen schön, mal wieder in ein ganz neu erdachtes Universum einzutauchen, das so dicht und vollgepackt und stimmig, so faszinierend und phantastisch ist. Schaut man The Abyss, erahnt man schon ein wenig die leuchtende Welt der Na’avi, die stellenweise ebenfalls so wirkt, als sei sie unter Wasser – und man kann nachvollziehen, dass die Technik damals noch nicht so weit war, um Pandora zum Leben zu erwecken.
Zwei Themen in Avatar fand ich besonders schön: Kindheit und Geburt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Unschuldig, aber auch dumm. Noch nicht erwachsen, noch nicht klug genug. Aber noch fähig, sich zu verändern und zu entwickeln, zu lernen, formbar. Die Menschen als Kinder, die plump “Wie ein Baby!” durch Pandora wackeln, bildlich am schönsten umgesetzt, wenn die Na’avi mit Menschen zusammen im Bild sind. Als Jake zum ersten Mal in seinem Avatar ist und durch dieses Krankenzimmer stolpert wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Jake, der als Avatar Grace wie ein Baby zum Baum trägt. Neytiri wiederum, die den kleinen Jake als Menschlein im Arm hält, und ihm eine Maske aufsetzen muss, um ihm am Leben zu erhalten. Die Nerven im Gehirn als Geburtskanäle. Die menschlichen Soldaten, die beim direkten Kampf mit den Na’avi plötzlich Spielzeugsoldaten in einem Kinderzimmer sind. Und wieder Jake, der am Ende des Films ganz vorhersehbar und folgerichtig seinen Geburtstag feiert und endlich (wieder)geboren wird.
Und was ich ganz einzigartig an diesem Film finde: Die Verbindug von archaischer Natur (und der mit ihr im Einklang lebender Kreaturen) mit dem Vernetzt-Sein des Internetzeitalters beziehungsweise die visuelle Umsetzung dieser Verbindung. Die Avatar haben praktisch einen USB-Anschluss im Zopf mit direkter Einklinkmöglichkeit zu anderen Kreaturen, zum Partner, zu den Ahnen und zur Natur an sich. Die Natur als bio-elektrisches Geflecht, ein Netzwerk mit Baumwurzeln als Gehirn, in das die Na’avi Informationen hoch- aber auch runterladen können. Natur als das ultimative Internet, Wald 2.0, und die Na’avi als die perfekt vernetzten Cyberkreaturen. Nie habe ich eine Verbindung zweier Thematiken gesehen, die rein rational betrachtet gegensätzlicher nicht sein könnten, aber visuell umgesetzt plötzlich so viel Sinn ergeben, auf einmal passt alles ganz selbstverständlich zusammen. Eine wahre Synthese, die sich im Namen des Films selbst wieder aufhebt. Der Avatar als virtuelle Cyberkreatur, aber auch als spirituelle Manifestation von Eywa, die ultimative Verlinkung zu allem.
Ich muss bei allem dazusagen, ich bin jemand, der sich sehr leicht in eine Filmwelt einsaugen und von ihr verzaubern lässt. Aber so schön, so emotional und vollkommen wie Avatar hat mich lange kein Film mehr in sein Universum mitgenommen.